Die Tage gehen ineinander über. Es sind Tage, die nie jemand gelebt haben muss; Tage, die du nicht zu kennen, nicht am Kalender zu bemerken, nicht in deinem Leben gespürt zu haben brauchst. Auch an dieser Stadt gehen sie spurlos vorüber. Sie zuckt bloß mit ein paar dreckigen, heißen Schultern, die schon bessere Zeiten gesehen haben; niemand interessiert sich hier für ein paar Tage mehr oder weniger. Niemand interessiert sich hier noch für irgendwas – geschweige denn für irgendwen; füreinander oder was weiß ich …
Auch ich könnte kaum transparenter sein; ja: Sie lesen richtig. Ich bin durchscheinend – wenn Sie mich auf der Straße sehen würden; Sie würden glatt durch mich hindurch schauen, ich schwöre es Ihnen. Erst gestern ist eine alte Frau beim Einkaufen gegen mich gelaufen; sie prallte förmlich in mich hinein; sie hatte mich geradewegs angestarrt; sie hätte mich sehen müssen; nein, sie war nicht abgelenkt, hatte keinen grauen Star – oder war es der grüne? – Scheißdrauf. Nein, sie hätte mich sehen müssen. Sie trug ein Netz Orangen und eine Tiefkühltorte und diese länglich verpackten Nusskügelchen, die man zu Kaffee isst, das alles an die flache Brust gepresst, vor sich her, was seltsam war – das dachte ich gerade noch, als ich sie sah und ehe sie in mich hinein rannte – ich dachte gerade noch, dass alte Frauen so etwas für gewöhnlich nicht taten: Dinge umständlich auf Händen durch den Supermarkt zu tragen; Impulskäufe tätigen, obwohl man doch eigentlich nur eine Packung Milch gebraucht hätte … Ja, alte Frauen hatten doch immer Einkaufszettel und Selbstkontrolle und einen Einkaufswagen, oder nicht? Und einen Plan und Ruhe und Routine, ja geradezu eine stoische Einkaufsroutine, an Jahrzehnten hoher Hausfrauenkunst gestählt, oder nicht?
Nur diese alte Frau hatte keine Routine. Auch keine Ruhe. Sie hetzte durch diesen Laden, wie eine Besessene, wie eine vollkommen Irre, so muss man es sagen. An den Melonen und an den Datteln rannte sie vorbei, mit ihren Orangen und der Tiefkühltorte und den scheiß Nusskügelchen, und stierte mir direkt in die Brust – direkt hinein, direkt durch sie hindurch, was doch eigentlich gar nicht sein kann – und rammte mich so plötzlich und so hart, dass es mir die verdammte Luft aus den Lungen presste, obwohl ich sie doch kommen gesehen hatte.
Es knallte dumpf. Ich ächzte. Die Orangen federten zwischen ihrer Brust und meiner. Sie quiekte ein wenig in sich hinein, doch selbst jetzt, glaube ich, hatte sie die traurige Tatsache meiner Existenz noch nicht so recht begriffen. Sie fiel auf den Hintern, was klang, als wäre eine Pistole losgegangen, die ein paar Achtjährige auf dem Speicher des Großvaters gefunden hatten … Eine hässliche Sache.
Als sie auf dem schmierigen Fliesenboden des Supermarktes aufschlug, schien ein Ruck durch sie zu gehen. Immerhin.
Mit ausgestreckten, in braunen Strümpfen steckenden, dürren Beinen saß sie da wie ein Kind und glotzte auch wie eines. Sie glotzte mich an, als hätte ich ihr ins gräuliche, furchige Gesicht geschlagen. Eine kesse Strähne hatte sich aus ihrem silbernen, streng zurückgekämmten Haar, das sich irgendwo am Hinterkopf zu einem Dutt zusammenfand, gelöst und war ihr in die erstaunlich braungebrannte Stirn gefallen. Das sah irgendwie verwegen aus, ja geradezu sexy – wäre sie nicht so verdammt knöchern und hohlwangig und irre gewesen. Auch ihre Augen waren grau und platzten beinahe aus den gelben Höhlen. Alles an diesem Teil ihres Körpers glänzte fiebrig, wie mir jetzt auffiel.
Ich entschuldigte mich stammelnd – ich! –, obwohl ich doch der letzte war, der etwas falsch gemacht hatte. Sie starrte mich immer noch an, ohne mich überhaupt zu registrieren; starrte immer noch geradewegs durch mich hindurch; immerhin mit einem leisen Erwachen von Erkenntnis und doch nicht genug, um meine Entschuldigungen wahrzunehmen oder die Hand, die ich ihr reflexartig zur Hilfe gereicht hatte …
Schließlich ließ sie sich von einer Verkäuferin aufhelfen, die mir im Näherkommen einen vernichteten Blick zuwarf – mir! –, der ich doch der letzte war, der etwas falsch gemacht hatte. Ich hätte kotzen können.
Ich machte ein paar verzweifelte Laute; mehr bekam ich nicht heraus, und die Verkäuferin warf mir gleich noch so einen vernichtenden Blick zu – ja, einen richtig vernichtenden. Sie hatte riesige Titten, das weiß ich noch – aber dieser Blick! Mannomann, wie mein Vater sagen würde, das alte Arschloch.
Mannomann. Das hatte er immer gesagt, nachdem meine Mutter ihm die Leviten gelesen hatte. Mannomann. Ich wusste dann, dass sie heute Nacht wieder ficken würden, auf Teufel komm raus, und dass in meinem Zimmer wieder die gruselige Clowns-Uhr von der Wand direkt in mein Bett fallen würde, weil auf der anderen Seite dieser Wand das Metallgerüst eines viel zu schlecht geölten Bettes gegen sie stieß und stieß und stieß und Leute Dinge riefen und schrien und ebenso seltsame Dinge trieben, was weiß ich.
Ich hätte auch da schon kotzen mögen. Immer, wenn sie gestritten hatten, ging das los. Mannomann – so fing es an.
Und wie meine Mutter da einen Blick drauf hatte, wenn sie meinem Vater die Leviten las, sodass er sein dämliches “Mannomann” in meine Richtung presste, so einen Blick, wo man sagt “ein vernichtender Blick”, so hatte auch die Verkäuferin einen Blick drauf, als sie heran flog wie so ein fetter Habicht und der Alten auf die dürren Beine half. So sah sie mich an. Nur las sie mir nicht die Leviten, was mir vielleicht sogar irgendwie gefallen hätte, wer weiß? Ich starrte ihr auf ihre riesigen Titten und wissen Sie was? Ich dachte dabei an diese verdammte, hässliche Clowns-Uhr in meinem Bett und an die Titten meiner Mutter. Hilf mir Gott, es ist wahr.
Transparent und jetzt auch noch irritiert von diesem Gedanken, verließ ich das Geschäft, ohne etwas zu kaufen. Ich flüchtete regelrecht. Ich legte die paar Schwachsinnigkeiten, die ich vor meiner Brust hergetragen hatte, um sie einem ordentlichen Impulskauf zu unterziehen – eine Tafel Schokolade, ein paar Salzstangen, Bier – irgendwo zwischen ein paar alte verrunzelte Bananen und verpisste mich so schnell ich konnte aus dem verdammten Laden, der sich mehr und mehr mit Studenten aus der nahen Kunstvorlesung füllte – Arschlöcher allesamt. Bei den Kassen musste ich noch einmal an der biestigen Verkäuferin mit den riesigen Titten vorbei und an der Alten, die mich glaube ich noch immer nicht sehen konnte und gerade ihre von meiner Brust zerdrückten Orangen und die Tiefkühltorte, die von ihrem Sturz ganz zerknittert war, und die verdammten Nusskügelchen, die man zum Kaffee fraß, auf das Fließband legte.
Als ich an ihr und an der Verkäuferin vorüber ging, spürte ich dieses seltsame Kitzeln im unteren Ansatz der Wirbelsäule, so als würde man beim Abfangenspielen jeden Moment erwischt werden, kennen Sie das noch? Ich weiß gar nicht, ob sie mich noch beachteten, aber ich ging schneller – und dann noch einmal schneller, als hätte ich mir in die Hosen geschissen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich tat es. Und dann war das Gefühl wieder vorbei.
Draußen bemerkte ich, dass ich einen Steifen hatte.
Darf ich das sagen? Kann ich das? Ach, scheiß drauf – ja, ich hatte einen Steifen – eine mächtige Latte, ein richtiges Rohr hatte ich in der Hose, wenn Sie es genau wissen wollen.
So tauchte ich in den Abend, brachte Strecke zwischen mich und den Laden und die Kunstuni-Arschlöcher, und musste plötzlich an eine seltsame Sache denken, die mir vor ein paar Wochen – sind es schon Wochen? Oder nur Tage? Ich weiß es nicht mehr – passiert war: diese Sache hatte mit einem Plakat zu tun, das ich irgendwo gesehen hatte. Darauf waren zwei Würstchen abgebildet gewesen: fleischfarbene, appetitliche Würstchen – das eine in Senf getunkt, das andere ganz unschuldig, prall und nett und sauber und rein. Matt hatte das Licht auf ihren samtigen Pellen geglänzt, riesenhaft waren sie da vor mir gelegen, an dieser papiernen, gut beleuchteten Plakatwand und plötzlich – kann ich das jetzt sagen? –, na, also, plötzlich hatte ich auch da eine Erektion bekommen. Aber was für eine! Darf ich das so sagen? Ich meine, es hilft doch nichts, oder? Es war eine heftige Erektion, okay? Ganz plötzlich – einfach so – vom Anblick dieser Würstchen: einen Steifen! Ein richtiges Kaliber von einem Ofenrohr, direkt in meiner gottverdammten Hose, okay? Ich lüge Sie nicht an! Ja, ich gebe es also freimütig zu: an manchen Tagen bin ich so notgeil, dass selbst Wurstwaren, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Frauenbeinen haben, mich erregen – und dabei esse ich gar kein Fleisch – und Beine sind eigentlich auch nicht so mein Ding. Nein, wenn Sie es wissen wollen: ich bin ein Brustmann. Ja, Brustmann – das klingt etwas antiquiert, so wie Wachmann oder Supermann – mit zwei N, das ist wichtig –, aber für mich ist das aktueller denn je, zumindest für mich, glauben Sie mir das.
Denn Brustmann zu sein, das bedeutet, sich mehr oder weniger ein Leben lang nicht mit der Tatsache abzufinden, wie verdammt ödipal es ist, ein Brustmann zu sein – Mannomann! Es ist eine große Herausforderung und erfordert große Disziplin, Mut und Hingabe: ein falscher Gedanke und schon befasst man sich damit, dass Muttern einen zu wenig gestillt und vermutlich nie wirklich geliebt hat. Es ist fatal: Kaum versieht man`s sich, steht man um drei Uhr nachts, im strömenden Regen, buckelig und entstellt unter ihrem Fenster, reckt den Arm umständlich nach den geöffneten Schleusen des Himmels und brüllt, kurz erleuchtet in einem aufkreischenden Blitz, “Mutter, warum hast du mich nie geliebt?” Das macht man dann solange, bis der Tierfänger kommt und einen mit Strom malträtiert und mit einem Netz ganz rasch bändigt und hinten in seinen Wagen schmeißt; in einen Käfig, gleich neben den Ratten und den Hunden, in einen Käfig eigens für Brustmänner, was weiß ich … Ja, es ist ein hartes Leben, das man als Brustmann führt.
Erschwerend hinzu kommt die allgegenwärtige Gefahr, dass derlei ödipale Offenbarungen sich während den ungünstigsten Momenten einstellen – zum Beispiel, wenn man gerade mit anderen Brüsten als jenen der eigenen Mutter zugange ist – nicht, dass mir so etwas noch passieren könnte: die letzte Brust, mit der ich zugange war, war noch in Schwarzweiß, hat Nylons getragen und am Beifahrersitz eines Studebakers filterlose Zigaretten geraucht, um Humphrey Bogart den zerknitterten Kopf zu verdrehen, aber das ist wohl eine andere Geschichte …
Ich seufzte in mich hinein, als der Abend zwischen dem Laden und den Kunstuni-Ärschen und der alten Frau und der Verkäuferin mit den riesigen Titten und meiner Mutter in ihr immer größer und dunkler wurde. Ich vergrub die Hände in der Kängurutasche meines Sweaters, stapfte weiter. Es war kühl geworden. September. Bald wäre es Herbst und dann Winter – nicht, dass es hier noch einen verdammten Unterschied machte …
Ab und zu, dachte ich mir, wäre ich gerne ein Arschmann. Oder ein Haarmann, oder ein Fußmann – oder ein Beinmann, dann hätte ich auch von den verdammten Würstchen auf dem Plakat mehr gehabt …
“Nie hast du Glück.”
Ich schämte mich entfernt. Ich weiß nicht einmal genau, wofür, aber ich hatte eben das Gefühl, mich für irgendetwas schämen zu müssen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich über das, was auch immer es war – und über mich selbst – lachen konnte. So etwas konnte dich schnell mal ein paar Jahre kosten und nur wenn du Glück hast, gehen die so spurlos an dir vorüber, wie an dieser beschissenen Stadt. Aber so war das eben.
Ich machte weiter Strecke. Es roch nach Orangen und Kaffee. In meinem Kopf sagte jemand immer wieder ein und dasselbe Wort: Mannomann, Mannomann, zum hundertsten, zum tausendsten Mal. Mannomann, Mannomann, Mannomann …
Es könnte wirklich schlimmer sein.

Brustmann
Sie quiekte ein wenig in sich hinein, doch selbst jetzt, glaube ich, hatte sie die traurige Tatsache meiner Existenz noch nicht so recht begriffen. Sie fiel auf den Hintern, was klang, als wäre eine Pistole losgegangen, die ein paar Achtjährige auf dem Speicher des Großvaters gefunden hatten … eine hässliche Sache.
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