Also wirklich, Stefan: Was soll das?
Du bist jetzt fünfundvierzig, ziemlich unauffällig, alles in allem; nicht schön, nicht hässlich; dumm bist du nicht, halbgebildet, ja richtig durchschnittlich intelligent, sowie du überhaupt als Mensch, als Rädchen im Großen und Ganzen, als einer unter vielen, sehr durchschnittlich bist: Nicht groß, nicht klein, nicht dick, nicht dünn; wenn du im Supermarkt deine Wurst bestellst, oder einer alten Frau höflich die Milch vom obersten Regal reichst, dann sagt sie bitte und danke und vergisst dich innerhalb von fünf Sekunden wieder.
Aber Stefan, meine Güte, ich frage dich: Wo ist die Pointe?
Im zweiten Vornamen heißt du Anton, im Nachnamen Gruber, du bist aus einer Gegend, aus der so viele sind, aus einer Stadt, die so ist, wie alle anderen Städte in der Welt; aus einem Land, das klein ist und doch jeder kennt; du sprichst eineinhalb Sprachen mehr schlecht als recht, hast mehr schlecht als recht normale eineinhalb Schulen besucht, mit normalem Erfolg, hattest normale Freunde, ein, zwei, drei normale Beziehungen, Affären, Freundinnen; eine normale Familie. Also wirklich, Stefan: Was soll das?
Da erkundigt man sich über dich, recherchiert, fragt nach, und was kommt dabei raus? Nichts … Du bist so öde, Stefan.
Dein ganzes Leben ist völlig normal.
Ich meine, was soll das?
Kein Vater, der dich schlug, keine Mutter, die dich zur Adoption freigegeben hätte, keine Geschwister, mit denen du allzu intimen Kontakt gehabt hättest. Nichts. Kein Onkel, der dir an den Pimmel fasst oder sagt, du solltest seinen Lollipop mal kosten, aber Mami ja nichts davon sagen; keine schräge Tante; keine gequälten Insekten, keine ausgeweideten Frösche; keine zerschnittenen Katzen …
Was also, frage ich dich, was ist los mit dir, Stefan? – Wo ist die Pointe?
Jetzt sitzt du im Knast, unter all den anderen interessanten Menschen: hier ein Mörder, dort ein Vergewaltiger, und bist schon wieder so scheiße normal.
Du isst, du duscht, du liest, du arbeitest in der Knastwerkstatt, du siehst aus dem vergitterten Fenster und bist so geduldig, so sanft und mild; du bist schon wieder – nein, noch immer – so verdammt durchschnittlich. Du machst jetzt einen Jura-Kurs, danach möchtest du im Knast Kunstgeschichte studieren und Psychologie. Du hast auch angefangen, ein wenig zu stricken. Deine Mutter besucht dich immer Mittwochs.
In unseren Gefängnissen ist es nicht üblich, dass Banden übereinander herfallen, wie in diesen Filmen, es wird auch keiner vergewaltigt, es gibt keine Seifenstücke, die in Socken gesteckt, als Prügelwaffen dienen – aber wenn – wenn es so etwas gäbe, du hättest entweder damit nichts zu tun oder wärst der blasse Typ, der dazwischen geht, um Schlimmeres zu verhindern. Ach Gott, Stefan! Du regst mich beinahe ein wenig auf …
Früher, Stefan; früher hattest du wenigsten noch manchmal deine Aussetzer: schmeißt ein Handy an die Wand, oder wirst mal kurz lauter, nur um dich danach höflichst und in aller Form dafür zu entschuldigen – ja, du siehst: ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich habe mit deinem ehemaligen Chef gesprochen. Da schaust du, was? Keiner soll mir nachsagen, ich wäre nicht gründlich …
Aber pass’ auf, ich hab noch mehr:
Die Nachbarn mögen dich, du hast sogar einmal, zu deinem Wohnungseinstand, eine Grillparty gegeben, bei der du am Ende recht betrunken, aber trotzdem so verdammt liebenswürdig warst – sogar deine Ex-Frau, mit der du zwei Kinder hast, spricht nur Gutes von dir: Ihr hättet euch lediglich auseinander gelebt. Keine Schläge, keine unerträglichen Eigenheiten, keine verrückten Eskapaden, nichts dergleichen! Dein Hobby wäre das Gärtnern! – Gärtnern, Stefan! Wirklich? – Du setzt gerne Bäume: Birnbäume; aber auch Blumenbeete, Hecken und Sträucher!
Nun, immerhin an deiner neuen Freundin, an der, für die du deine Ex verlassen hast – respektvoll und offen und in allen Ehren, versteht sich – lässt sie kein gutes Haar, aber das weißt du ja wahrscheinlich. Immerhin. Immerhin irgendwas. Naja, das hat ja nicht einmal etwas mit dir zu tun, aber immerhin … ich schätze, das ist nunmal der Kleinscheiß, mit dem man sich zufrieden geben muss, wenn man es mit dir zu tun hat …
Die Sache mit dem Gärtnern ist immer noch das stärkste Stück … Birnbäume! Birnbäume, Stefan!
Stefan, um Himmels Willen, ich frage dich: Wo ist die Pointe?
Und deine Verhaftung erst: Wie ein Lämmchen hast du geschaut, hast gesagt, es täte dir leid – die vielen Umstände und all das. Die Polizisten wollten dich erst gar nicht festnehmen, weil du so unschuldig, ja geradezu liebenswürdig da gesessen hast, in dem ganzen Blut und der Hirnmasse und all dem … Du liebe Zeit, sie hätten es vermutlich auch gar nicht getan, wenn du nicht darauf bestanden hättest. Trotz allem … trotz allem, Stefan … Du hättest wahrscheinlich einfach dort raus spazieren können, wenn du es wollen hättest …
Ach, Stefan. Ich frage dich …
Was, Stefan; was soll ich jetzt schreiben?
Die Leute wollen von Monstren lesen, von vertanen Existenzen, die Dinge tun, die man ihnen zutraut, die man von ihnen erwartet. Sie wollen Wahnsinnige, mit schlimmen Kindheiten und tristen Verhältnissen. Sie wollen Vergleiche mit tickenden Zeitbomben und Wölfen in Schafspelzen; sie wollen Recht haben; sich bestätigt wissen, in ihrem Misstrauen. Sie wollen ihre Kinder vor solchen Leuten schützen und warnen – vor solchen Leuten wie dir. ABER DU BIST JA NICHT EINMAL EINER WIE DU!
Was, Stefan, was sollen sie ihren Kindern über dich sagen? Nimm dich in Acht vor diesem Kerl, der so ist, wie alle anderen? Nimm dich in Acht, vor einem wie ihm?
Nein – Du bist eben keiner, wie du …
Das Normale, Stefan, das Normale bringt sie um den Verstand. Sie können, sie wollen nicht begreifen, dass auch sie selbst, ihre Frauen, ihre Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Schwiegermütter, Schwiegerväter; die normalsten Menschen auf dieser Welt zu allem fähig sind. Sie wollen glauben und wissen, dass es für solch eine Tat, wie du sie begangen hast, eines Monsters bedarft. Und ich, Stefan; ich muss es ihnen geben.
Aber, Stefan, ach, wenn es nur das wäre!
Es geht ja noch viel weiter, mit den Leuten!
Es beschränkt sich nicht nur auf Mörder, wie du einer bist, nicht nur auf die Monstren und die fleischgewordenen Teufel in unserer Mitte – nein, auch auf die Engelchen unter uns!
Die alte Frau, die aussieht wie eine Werbefigur – grauhaarig, rundlich, liebenswert mit Dutt –, die muss doch gefälligst auch so sein! Ich meine, wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt jeder ein dunkles Geheimnis hat? Eine Persönlichkeit? Wenn jeder, der auf der Straße herum rennt, völlig undurchsichtig ist und nicht schon an seiner Fresse oder an seinem Gewand oder an den Piercings und Tätowierungen und an der Hautfarbe zuzuordnen ist – als Problem, als Lösung, als Beitrag oder als Störung …?
Es muss so sein – die Welt wäre sonst nicht belebbar, eine Gesellschaft nicht denkbar; das Volk nicht zu regieren; der Mensch nicht zu unterhalten. Es wäre Angst und dann wäre bald nichts mehr.
Stell dir das nur vor, Stefan: Die Menschen müssten dann miteinander reden; müssten sich kennenlernen und begegnen und all das. Ich meine, wie soll das gehen?
Nein nein – es muss alles seine Richtigkeit haben.
Der eine Promi – der muss doch so und so sein … Ja, er ist doch so hübsch und so reich und … na, hör mal, der lebt doch förmlich schon bei mir, in meinem Wohnzimmer, Schlafzimmer, der geht da jeden Tag ein und aus, hinter seiner Mattscheibe …
Der eine Schriftsteller, lange tot – der muss sein Werk doch so und so gemeint haben. Ja, lasst es uns doch zu Tode deuten und mit jedem neuen biographischen Detail, das mühsam an die Oberfläche gezerrt wird, noch einmal und noch einmal neu deuten … Aha, der Vater hat ihn geschlagen, am vierten Oktober des Jahres des Herren – dann muss diese eine Stelle in dieser einen Geschichte ja doch bitte völlig neu gedacht werden!
Die Mutter – doch nicht so liebend? Zum Teufel mit dem Ödipalen in diesem Text.
Die Arbeit beim Abendblatt – doch kein so nerviger Graus? Am Ende war der Mann Kapitalist …
Es ist schon interessant, Stefan, denk mal über folgendes nach: Menschen erwarten von dir, dass du ihren Ersteindruck, den sie von dir haben, bestätigst; dass du die Ecke, in die sie dich gleich stellen, die Schublade, in die du wohl passt, auch ausfüllst. Menschen wollen Klischees. Das, was man Sympathie nennt, das ist bloß die Erwartungshaltung, eine schon vorhandene Annahme jetzt gleich bestätigt zu bekommen.
Stellt sich dann allerdings heraus, dass du diese Annahme doch nicht bestätigst – und damit ihr Weltbild untergräbst, ins Wanken bringst, anstatt es zu untermauern –, dann gnade dir Gott! Dann ist es mit der Sympathie ganz schnell wieder vorbei, Stefan!
Ja, es ist doch so: Menschen sind für Menschen nur wandelnde Argumente. Rechtfertigungen. Beispiele – Wenn das alle machen, kann ich auch …
Schau den Gustl an, der tut doch auch …
Ich habe einen Freund, der ist so und so …
Die und die sind doch alle so und so – Männer, Frauen, Ausländer, Politiker, Neger …
Stefan, hör mir zu: entweder, du bestätigst ihre Klischees oder du widerlegst ihre Klischees. Das, und nur das, will ich Ihnen an Fantasie gerade noch zugestehen; zu dieser binären Leistung sind ihre Einzeller-Gehirne gerade noch imstande:
Die alte Werbefigur-Oma von vorhin – die Frau Holle, die von der Mehlverpackung runter lacht – die muss entweder genau so sein, wie man sich die perfekte Oma vorstellt – oder eben genau das Gegenteil davon.
Der harte, raubeinige Hells Angel-Biker; von Kopf bis Fuß tätowiert, vorbestraft und gefährlich – der ist entweder genau so, wie er zu sein hat, oder genau das Gegenteil davon, wie er eben zu sein hat.
Dazwischen gibt es nichts, verstehst du, Stefan?
Dieser eine Promi – der muss entweder exakt der Rolle des liebenswerten alleinerziehenden Vaters, rauh, aber mit einem Herz aus Gold, auch in Wirklichkeit entsprechen – “der is’ ja wirklich so, hab ich gelesen”, sagen sie dann beim Friseur, “der ist schon süß, den würd ich auch nehmen.” – entweder, oder er muss diesem Bild exakt diametral gegenüberstehen. “Dabei ist der in Wahrheit ja eine richtige Sau, hab ich gelesen. Richtig schirch soll der sein, zu seinem eigenen Kind.” – “Nein? Wirklich? Hab’ ich’s mir doch gleich gedacht!”
Dazwischen gibt es nichts, verstehst du, Stefan?
Dazwischen – da bist du, Stefan.
Und das geht nicht, Stefan. Es darf nicht sein. Du bist eine Anomalie, Stefan, ich sag’s dir nur ungern, aber du bist eine Anomalie – du bist gleichzeitig wir alle und gleichzeitig das, was wir alle vor unseren eigenen Augen unmöglich sein dürfen und können und sollen: irgendwie vage. Und was vage ist, das ist gefährlich und was gefährlich ist, das darf nicht sein! – Schade, dass du mich gerade nicht sehen kannst, Stefan: denk dir nur, ich muss gerade etwas schmunzeln. Ich muss schmunzeln, weil vage ja so ein bisschen klingt wie fade und weißt du was? Das ist bestimmt kein Zufall … Weil auch fade, Stefan, auch fade darfst du nicht sein, Stefan, so leid es mir tut …
Nein, du musst dich entscheiden.
Entscheide dich: Gut oder Böse. Klischee oder Unklischee, Stefan?
Entscheide dich, Stefan – alles dazwischen, so wie du: echter Mensch, echte Facetten, echt ein schlechter Tag, der ein echtes gutes Leben nun mal manchmal so zunichte macht … Stefan, ich flehe dich an: sie kapieren das nicht, Stefan. Hörst du mich?
Sie kapieren es nicht.
Entweder, oder, Stefan – entweder, oder.
Ich frage dich nochmal: Wo ist die Pointe, Stefan? Komm schon: gib mir eine Pointe! Ich – ich will es ja nicht! Wenn es nach mir ginge, dann wäre ja alles anders!
Dann wäre alles lax und bla und Ponyhof – Ich will es ja nicht, Stefan, hörst du? Mir bist du entweder sympathisch oder unsympathisch oder egal, je nachdem, wen du fragst: den Mann, den Familienvater, den Sohn, den Bürger, den Urlauber, den Typen, der seine eigenen Probleme hat … Ich würde dich ja gerne kennenlernen, ich könnte mir gut vorstellen, ein Bier mit dir zu trinken, nach allem, was ich über dich gehört, gelesen, rausgefunden habe – mir ist es doch gleich, Stefan!
Aber die – die wollen eine Geschichte von mir, weißt du? Und eine Geschichte ist keine Geschichte, wenn sie keine verdammte Pointe hat, weißt du? Eine Pointe! So ist nun mal die Lage der Dinge, ich kann es nicht ändern, Stefan.
Und weißt du was, Stefan?
Ich werde sie ihnen auch geben: ihre Geschichte und ihre Pointe; sie sollen die Scheiße haben, ich werde ihnen alles geben. Und ich sag’ dir auch warum, Stefan: Weil es wichtig ist. Weil es unsere Welt am Laufen hält und damit meine. Weil ich nicht anders kann … weil das eben meine Aufgabe ist, mein Beruf – falls das denn je ein und dasselbe war.
Ach, scheiße. Stefan … Ach, Stefan …
Ich werde jetzt ein Foto von dir suchen, ein schlechtes, altes, auf dem du aussiehst, wie wir alle, wenn wir morgens aufstehen, oder besoffen sind, oder einfach einen schlechten Tag haben, so wie du eben einen hattest, und dann werde ich einen schwarzen Balken über deine harmlosen Kuhäuglein setzen, damit sich dein Gesicht ja auch alle ganz genau ansehen – damit alle jemanden darin zu erkennen glauben; jemanden, den sie vielleicht kennen; vielleicht von der Arbeit oder aus dem Bus. Und dann Stefan, es blutet mir das Herz, dann werde ich dein Leben neu schreiben. So, wie es hätte sein müssen – ihrer Meinung nach. Ich werde es deuten. Ich werde Zusammenhänge herstellen – ich werde nicht lügen. Nein, Stefan. Ich bin doch kein Lügner. Nein, ich bin ein Künstler. Ein Geschichtenerzähler. Ich werde dich so erzählen, wie du zu erzählt werden hast.
Du wirst sehen: das wird super. Ich bring dich ganz groß raus.
Es stimmt: es gibt keine Pointe. Aber die Leute wollen über das Leben lachen, als wäre es eine. Sie wollen es verstehen, wie einen großen Witz. Sie wollen es durchschaut haben, wie eine dünne Geschichte.
Klischees – das ist es, was sie wollen. Klischees. So funktioniert ihr gottverdammtes Gehirn. Und deswegen Stefan, deswegen werde ich ihnen ihre Pointe geben.
Es tut mir leid, Stefan, es tut mir ehrlich leid. Sei mir nicht böse.

Fade bist du, Monster
Wie ein Lämmchen hast du geschaut, hast gesagt, es täte dir leid – die vielen Umstände und all das. Die Polizisten wollten dich erst gar nicht verhaften, weil du so unschuldig, ja geradezu liebenswürdig da gesessen hast, in dem ganzen Blut und der Hirnmasse und all dem …
10–15 Minuten
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